Projekt: Warmes Herz

Produktion einer Musik-CD sowie einer Vinyl-Platte

2017 habe ich gemeinsam mit dem Bonner Pianisten und Komponisten Peter Dopatka eine CD und eine Vinylplatte produziert. Es handelt sich um reine Klaviermusik, die man stilistisch nicht eindeutig festlegen kann. Wir nannten diese ungewöhnliche Art, die unsichtbaren Phänomene der sichtbaren Welt musikalisch zu interpretieren „Quanten-Musik“.

Die Begründung der gewagten Einstufung findet man im Booklet der CD und LP aber auch im nachfolgendem Text.

„WARMES HERZ“

Quantenmusik von Peter Dopatka, Klavier
Wie Musik entsteht oder Der Versuch, Schrödingers Katze am Leben zu erhalten. Gedanken zur Quantenmusik.

Wer ist Peter Dopatka und was ist eigentlich Quantenmusik?
Was sind Quanten und was haben diese mit Musik zu tun? Wie entsteht Musik? Woher kommen die Töne, Akkorde, Melodien und Klänge. Wo liegt die Grenze zwischen Musik und Krach. Was sind Träume, Gedanken, Gefühle? Wo lebt das Ich? Was ist Wirklichkeit? Wie viele Wirklichkeiten können nebeneinander existieren? Wenn es tatsächlich eine endlose Anzahl an Paralleluniversen gibt, in wie vielen komme ich vor? Wo liegen die Quellen der Inspiration, der Ideen, der Eingebung. Anders ausgedrückt: „Was soll das Ganze und wo kommt es her?“

Joel Sternheimer, Physiker und Musiker, hat in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ein interessantes Patent angemeldet. Es handelte sich um eine Methode, bestimmte Frequenzen, die beim Einbau von Aminosäuren in die Proteinketten entstehen, in hörbare Töne zu transformieren. Die daraus resultierende Folge von Tönen nannte er „Quantenmusik“. Sternheimer behauptete, dass mit dieser Art Musik beschallte Pflanzen ein beschleunigtes Wachstum aufwiesen, besser schmeckten und von manchen viralen Pflanzenkrankheiten geschützt seien.

Quantenmusik wäre demnach eine sich selbst komponierende Musik, deren Ursprungsfrequenzen aus unendlich vielen Quellen stammen können. Wir dürfen jedoch das Übersetzen oder Transformieren von Frequenzen nicht dem Komponieren gleichsetzen. Oder doch?
Könnte man das Komponieren auch dem Zufall überlassen? Könnte ein Affe mit einem Würfel ein Mozart-Menuett komponieren? Ja, das könnte er! Er könnte zwar das Stück nicht spielen, aber er könnte es komponieren.
Im Jahre 1793 erschien das musikalische Würfelstück von Wolfgang Amadeus Mozart. Bei diesem amüsanten Musikspiel kann durch 16-maliges Würfeln mit zwei gewöhnlichen Spielewürfeln ein Musikstück komponiert werden. Mittels einer Zuordnungstabelle wird jeder geworfenen Augenzahl ein Takt zugeordnet. In der Zuordnungstabelle sind 176 verschiedene Takte enthalten, womit 46 Billiarden verschiedene Kompositionen erreicht werden können.

Peter Dopatka, der Komponist dieser Klavierwerke, findet zwar seine Inspiration in der wundersamen Welt der Quantenphysik, aber er würfelt nicht. Er lässt den Zufall zu, schließt ihn aber im gleichen Augenblick aus. Wie geht das? Gott soll, nach der Meinung Einsteins, bei der Schaffung der Welt keine Würfel benutzt haben. Im großen Universum scheint die Meinung Einsteins zu stimmen, in der Welt der Atome und Elementarteilchen jedoch nicht. Im Kosmos der Quantenphysik, dem Universum der kleinsten Teilchen, gibt es nicht nur ein Entweder – Oder sondern auch ein Zwischenstadium, ein unscharfes Vielleicht, im Gegensatz zu Shakespeares Auffassung ein Sein und ein Nichtsein gleichzeitig. Vielleicht würfelt der liebe Gott doch, nur er gibt es nicht zu. Die Mystiker unter uns kannten schon immer Wesen, die weder tot noch lebendig waren. Die Zen-Buddhisten pflegen eine Art der Kommunikation, bei der es weder Worte noch Schweigen gibt.

Den Physikern ist es gegenwärtig nicht möglich, den Ort eines Elektrons innerhalb eines Atoms vorauszuberechnen. Nicht nur das. Ein Elektron kann an mehreren Orten gleichzeitig erscheinen.

Wenn ein Elektron oder ein Photon das kann, warum nicht auch ein Engel, ein Schmetterling, ein warmes Herz, eine verliebte Seele, ein tanzendes Wesen, das Leergut eines genialen Trinkers, eine verstorbene Muse namens John?

Peter Dopatka lebt auf einer Insel, zu der nur Künstler, Trolle und Elfen einen Zugang haben. Er verschließt die Augen und beobachtet die Welt. Er inhaliert musikalische Feinstäube, Energiefetzen aus fließenden Strömen und Quanten menschlicher Wärme, um am Leben zu bleiben. Peter Dopatka würfelt nicht. Er lässt andere für ihn würfeln.
Wer sind nun aber die Anderen, die für ihn würfeln, ihn berühren, wenn er die Augen verschlossen hält, und vor ihm tanzen, wenn er die Augen öffnet? Wer sind die winzigen, manchmal unsichtbaren Auslöser seiner musikalischen Edelsteine, die sich in gigantische Gefühlslawinen verwandeln können?

Es sind die Zitterbewegungen eines frierenden Pianisten, das Summen einer Stubenfliege in einer eng geflochtenen Schleife, die dröhnenden Akkorde einer Gewitterfront, der Flügelschlag übermütiger Engel, das Stottern eines polnischen Zweitakters, die Partitur innerhalb eines Vogelschwarms, das Klappern von Leergutflaschen auf dem Weg ins Nichts, das Nadelspiel einer norwegischen Strickerin, die Satzmelodie eines vergessenen Romans. Das sind nur einige Quellen des musikalischen Schaffens von Peter Dopatka.

Die Titel seiner Klavierstücke scheinen nicht zufällig gewählt zu sein. Titel und Musik verschmelzen in jenem Augenblick zu einer endlosen Geschichte, in dem wir uns Zeit nehmen zu träumen, auch wenn die Endlosigkeit nur zwei Minuten dauert.

Peter Dopatka vermag das Bild eines Vogelschwarms über Stonehenge in seinen Gedanken einzufrieren, Notenlinien darüber zu legen und aus der daraus entstehenden Partitur ein Thema zum gleichnamigen Klavierstück herauszulesen. Seine Inspirationen sind so vielfältig und komplex, so intim und privat, so zerbrechlich und leise, dass es nicht vornehm wäre, diese ans grelle Tageslicht zu zerren und durch bedeutungslose Interpretationen zu ersticken.

Peter Dopatka schenkt uns Geschichten, die in uns selbst entstehen. Wir brauchen seine Bilder nicht zu kennen. Sie sind in dem Moment unbedeutend und gleichgültig, indem wir unsere eigenen lebendig werden lassen. Unsere eigenen Bilder, Geschichten und Empfindungen haben aber nur dann eine besondere Bedeutung, wenn wir die endlose Gleichgültigkeit des Universums akzeptieren und gleichzeitig diese besondere Art von Energie am Leben erhalten, die wir im Volksmund menschliche Wärme nennen.

Henrik Forsat im Herbst 2016

Die 19 Stücke auf der Platte haben teilweise sehr poetische Titel. Zu jedem Musikstück wurden Bildcollagen angefertigt, die versuchen die einzelnen Klavierwerke bildlich zu interpretieren.

PLAYLIST

01. Warmes Herz (2:18)
02. Abschied von John Cage (1:37)
03. Ansichten einer Stubenfliege (1:29)
04. Bauplan für ein Gewitter (2:14)
05. Brief an einen Unbekannten (2:10)
06. Der schwere Mantel von Glenn Gould (1:34)
07. Eine der rosa Nächte (1:26)
08. Eine Blume für Wolfgang (1:52)
09. Erster Flug der Engel (1:51)
10. Heimat (4:06)
11. Erwachen der Schmetterlinge (1:37)
12. Leergut von Erik Satie (1:52)
13. Letzte Seite eines Romans (2:44)
14. Nachtzug nach Polen (1:43)
15. Tanz in einer alten Zinkmine (1:02)
16. November letzten Jahres (2:43)
17. Vogelschwarm über Stonehenge (1:23)
18. Wahrheit über Wodka Lemon (2:23)
19. Wie der Wein in die Birne steigt (2:00)
20. Warmes Herz (2:18)

Künstler leben in der Regel davon, dass sie ihre Werke verkaufen. Die Platte kann man über die Mailadresse des Komponisten beziehen: peter.dopatka@t-online.de

Sie können sich aber auch alle Titel kostenlos auf Spotyfy anhören. Geben Sie bei der Suche entweder den Titel der CD oder den Namen des Künstlers ein.